Ende März 2017 hatte Dr. Dieter Zetsche mit einigen Äußerungen über Elektromobilität und Brennstoffzellen für erhebliche Aufregung in der Automobilbranche gesorgt. Während des auto-motor-und-sport-Kongresses am 27. März 2017 in Stuttgart hatte sich der Konzernchef von Daimler vergleichsweise wortreich darüber ausgelassen, wie er die weitere Entwicklung im Bereich E-Mobilität innerhalb des Stuttgarter Unternehmens sieht, allerdings waren seine Ausführungen anschließend sehr unterschiedlich interpretiert worden.

Bei T-Online lautete die Schlagzeile noch am selben Tag „Daimler verabschiedet sich vom Wasserstoff“. In der zugehörigen Meldung hieß es: „Die Brennstoffzelle spielt beim Autohersteller Daimler aktuell keine zentrale Rolle mehr.“ Als Beleg dafür führte das Internetportal ein Zitat von Dieter Zetsche an: „In den nächsten zehn Jahren wird unser Schwerpunkt auf batterieelektrischen Antrieben liegen.“ Die zweite Hälfte dieses Satzes war allerdings unterschlagen worden (s. Abschrift unten).

In Bezug auf den Vorsprung der Brennstoffzelle (größere Reichweiten und geringe Betankungszeiten) schrieb T-Online: „Diese Vorteile haben sich durch die modernere Batterietechnik reduziert. Die Batteriekosten gehen stark nach unten, auf der Wasserstoffseite ist die Herstellung des Brennstoffes aber weiterhin teuer.“ Letztlich endete diese Meldung aber mit der Feststellung: „Die Brennstoffzelle bleibt eine interessante technische Alternative.“

Bei Automobil Produktion hieß es dann wieder einen Tag später „Daimler-Chef Zetsche: Brennstoffzelle hat wenig Vorteile“. Konkret stand dort: „Für den Autokonzern Daimler spielt die Brennstoffzelle als alternativer Antrieb derzeit keine zentrale Rolle mehr.“

Anfang April schrieb auch iwr.de dazu: „Daimler und Vaillant wenden sich von Brennstoffzellen ab.“ golem.de mutmaßte sogar über das mögliche Ende des Brennstoffzellenabkommens von 2013, das Ford, Daimler und Renault-Nissan geschlossen hatten.

Die Krönung war allerdings der „Nachruf auf die Brennstoffzelle“, der direkt vor der Hannover Messe in der Wirtschaftswoche erschien – inklusive Todesanzeige (s. unten). Etwas pathetisch wurden dort Formulierungen gewählt wie: „Wasserstofftechnik? Ruhe sanft.“

Dieser Kommentar der WiWo-Redakteure Martin Seiwert und Stefan Hajek zeugte zwar durchaus von Branchenkenntnissen, ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass sie voll auf batteriebetriebene Elektromobilität setzen und die Brennstoffzelle für einen „teuren Irrweg der Autobranche“ halten. Elon Musk wird von ihnen als „ziemlich lebendiger Überflieger“ bezeichnet, während „in der Brennstoffzelle eine hübsche Ingenieurvision mit der Macht wirtschaftlicher Fakten kollidiert“.

Etwas voreilig gehen die zwei Autoren allerdings davon aus, dass „das Elektroauto inzwischen genauso weit fährt und in der Gesamtbilanz umweltfreundlicher ist als Autos mit Brennstoffzellen“. Zudem sei es „viel billiger“.

Auf HZwei-Nachfrage bei der Wirtschaftswoche, wer denn die Brennstoffzelle zu Grabe trage, erklärte Redakteur Martin Seiwert: „Wir, anhand der im Beitrag angeführten Gründe und Aussagen. Herr Zetsche hat das Richtige gesagt, andere sind in der Öffentlichkeit nicht so mutig, weil ihre Unternehmen Milliarden in die Technik gesteckt haben.“ Und mit dem „Geburtsjahr“ 1966 sei die Präsentation eines BZ-Autos von General Motors gemeint.

Diese Zuspitzung in der Berichterstattung mit immer drastischer werdenden Formulierungen in den Kommentaren verfehlte ihre Wirkung nicht: Die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Community zeigte sich während der Hannover Messe deutlich verunsichert. Obwohl die Grundstimmung auf der Industrieschau durchaus positiv war, drückten die oben benannten Meldungen ganz gehörig auf die Gemüter.

Selbst die Pressestelle von Daimler zeigte sich irritiert – nicht von Zetsches Äußerungen, sondern von den anschließenden Meldungen. Auf Nachfrage von HZwei stellte sie jedoch klar: „An der bisherigen Ausrichtung hat sich nichts geändert. […] Wir brauchen den Wasserstoff. […] Daimler sieht eine Zukunft in der Brennstoffzelle.“

Es bleibt also dabei, dass Daimler nach wie vor sein neues BZ-Auto, den GLC F-CELL, noch in diesem Jahr präsentieren und zunächst in überschaubarer Stückzahl (voraussichtlich ca. 1.000 Exemplare 2018) produzieren wird.

Allein um Daimler geht es aber schon lange nicht mehr, auch wenn sich die Stuttgarter Pressestelle nach der Veröffentlichung des korrekten Sachverhalts im HZwei-Blog beim Hydrogeit Verlag ausdrücklich für diese Richtigstellung bedankte.

Die Äußerungen von Zetsche und auch ihre unterschiedlichen Interpretationen haben vielmehr gezeigt, dass mittlerweile ein Wettbewerb zwischen Batterie und Brennstoffzelle entbrannt ist. Genau dieser Technologiewettkampf, welche Antriebsform denn nun die bessere, die zukunftsträchtigere sei, ist trotz aller anderslautenden Beteuerungen längst im Gange. Lange haben sowohl Politiker als auch die NOW GmbH versucht, Elektromobilität als Gemeinschaftsprojekt zu verkaufen. Fakt ist aber, und das haben die WiWo-Redakteure ganz richtig erkannt, dass es um sehr viel Geld geht, weshalb jetzt angesichts des zunehmenden Konkurrenzdrucks mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um Marktanteile gekämpft wird.

Der WiWo-Kommentar, wer auch immer dazu den Anstoß gegeben hat, war erst der Anfang einer Diskreditierungsschlammschlacht zwischen Batterie- und Brennstoffzellenanhängern, die in den sozialen Netzwerken bereits in vollem Gange ist.

Auf die Frage eines Kongressteilnehmers, wie es mit Brennstoffzellen im Hause Daimler aussehe und wie Zetsche die Zukunft einerseits von Elektrofahrzeugen mit Brennstoffzellenantrieb und andererseits mit Batterieantrieb bewerte, hatte dieser gesagt:

„Wir werden die Brennstoffzelle Ende diesen, Anfang nächsten Jahres in einer größeren Stückzahl von Fahrzeugen anbieten. Natürlich wird die nicht im Showroom überall stehen können, und wer will, kauft sich so eine, weil der Kunde mit der Füllung nur nach Hause käme und das wars dann gewesen. In der heutigen Umfeldsituation lässt sich der Brennstoffzellenbetrieb nur im Flottenbetrieb in einer definierten Umgebung ermöglichen.

Wir sind ganz sicherlich in dieser Technologie absolut vorne mit anderen wenigen Automobilwettbewerbern. Die Hauptvorteile der Brennstoffzelle aus Sicht von vor fünf Jahren lagen in der signifikant größeren Reichweite und der dramatisch kürzeren Betank- versus Aufladezeit. Diese Vorteile haben sich aufgrund der stärker als damals erwarteten Entwicklung der batterieelektrischen Fahrzeuge reduziert, signifikant reduziert.

Auf der anderen Seite gibt es auf der Kostenseite zumindest in der Realität Nachteile mit der Brennstoffzelle. Nicht unbedingt wertanalytisch, aber da unglaubliche Ressourcen auf die batterieelektrische Entwicklung gerichtet sind und sehr kleine Ressourcen auf die Brennstoffzelle, ist in der praktischen Arbeit […] die Kostendegression auf der batterieelektrischen Seite viel schneller. Wir haben zunehmend regenerierbaren Strom […], der tatsächlich bei batterieelektrischen Fahrzeugen die CO2-Freiheit erlaubt, wohingegen wir auf der Wasserstoffseite bisher nur über Elektrolyse via Strom zweimal durch die Brust ins Auge den wirklich CO2-freien Brennstoffzellenantrieb anbieten können.

Insofern glaube ich, dass man gut beraten ist, in den nächsten zehn Jahren den Fokus auf batterieelektrische Entwicklung zu legen, ohne dabei die technologische Entwicklung bei der Brennstoffzelle zu vergessen, weil es potentiell möglich wäre, dass sich die Energiewirtschaft dahingehend entwickelt, dass die Speicherei bei den regenerativen Energieerzeugungen via Wasserstofferzeugung stattfindet. Und wenn das kommt, ist logischerweise die Brennstoffzelle das komplementäre Fahrzeug.

Es kann auch sein, wenn die batterieelektrische Entwicklung wirklich erfolgreich ist, dass wir dann an Grenzen in der Ladeinfrastruktur stoßen. Auch dann kann das durchaus ein zweiter Weg sein. Also mit Sicherheit kein Grund zu sagen: Brennstoffzelle ist Vergangenheit. Das kann durchaus die Zukunft sein.

In den nächsten fünf bis zehn Jahren, glaube ich, sollte die Priorität bei batterieelektrischen Fahrzeugen liegen.“

Abschrift einer Video-Aufzeichnung vom auto motor und sport-Kongress

Grafik: Wirtschaftswoche

s. auch HZwei-Blog: Brennstoffzelle: Totgesagte leben länger

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